„Man stirbt nicht erst, wenn man tot ist"
Meine Wut muss raus, und vielleicht deine auch.
Es gibt eine Sorte Gewalt, die keine Spuren hinterlässt. Keine
blauen Flecken, kein Attest, nichts, was man einem Richter auf den
Tisch legen kann. Nur einen Menschen, der von Jahr zu Jahr leiser
wird. Der morgens aufwacht und schon müde ist. Dessen Gedanken
nicht mehr die eigenen sind, weil jemand anderes seit Jahren darin
wohnt.
Die Welt hat dafür ein Messsystem, und es misst genau zwei Fragen:
Ist jemand tot? Ist jemand krank? Nein? Dann ist nichts passiert.
Ich halte das für den größten Konstruktionsfehler in unserem Umgang
mit Gewalt.
Für das Gericht braucht es eine Tat.
Für die Psychiatrie eine Krankheit.
Und für das, was einen Menschen aushöhlt, gesund, unauffällig, Tag für Tag, gibt es keinen Behälter. Es fällt exakt zwischen alle Zuständigkeiten.
Wer es erlebt, erlebt es allein.
Ich kann das Gesetz nicht ändern. Ich kann etwas anderes:
Sichtbar machen.
In der Spurensicherung gibt es eine Lampe, die zeigt, was
das Tageslicht verbirgt. Sie fügt nichts hinzu, sie erfindet nichts.
Sie zeigt.
Dieser Ort ist so eine Lampe,
- für die Sätze, die dich klein gemacht haben,
- für die Muster dahinter,
- für deinen Körper, der längst Bescheid weiß,
- während alle sagen, es sei doch nichts.
Du findest hier keine fünf Tipps und
kein weiches Verständnis-Blabla.
Du findest Worte für das,
was mit dir passiert,
so genau, dass es niemand mehr wegreden kann.
Auch du selbst nicht.
Hier zählt, was dich zerstört.
Nicht erst, was dich tötet.