Schwarze Pädagogik

Historischer Name für ein Erziehungsmodell, das bis in die 1970er/80er Jahre als normal galt: Gehorsam vor Bindung, Wille brechen als erklärtes Ziel.

← Zurück zum Glossar

Kurz gesagt

Nicht: "Was ist bei mir persönlich schiefgelaufen." Sondern: "Ich bin mit einer damals mehrheitsfähigen Methode trainiert worden, deren erklärtes Ziel genau das war, was heute als Schaden erkannt wird."

Ausgangspunkt

Wenn ich das auf meine eigene Situation beziehe: Mein Vater hatte meine ganze Jugend, 25 Jahre, Zeit, um mich darauf zu trimmen. Und das ist ihm offensichtlich gelungen. Sein Motto war: "Kinder müssen gebrochen werden." Allerdings hat er auch immer, solange ich mich erinnern kann, als ich klein war, gesagt, dass ich schwer erziehbar bin. Ich habe mich immer gefragt, was das eigentlich heißt und was er meinte. Vermutlich meinte er damit, dass es ganz schön Energieaufwand von seiner Seite bedurfte, um mich auf diesen Daueralarm zu trainieren, anscheinend war das eine riesige Aufgabe für ihn. Und dann erinnerte ich mich: Es war ja früher völlig normal, sein Kind zu schlagen, und das wurde erst irgendwann später verpönt. Das brachte mich zu der Frage, ob mein Vater damit überhaupt eine Ausnahme war oder einfach die verbreitete Methode seiner Zeit befolgt hat.

Definition

Schwarze Pädagogik ist der eingebürgerte Name für ein Erziehungsmodell, das im deutschsprachigen Raum bis in die 1970er/80er Jahre als normal und legitim galt. Den Begriff prägte die Herausgeberin Katharina Rutschky 1977 mit der Quellensammlung "Schwarze Pädagogik: Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung". Die Psychoanalytikerin Alice Miller machte das Konzept danach international bekannt (u. a. "Am Anfang war Erziehung", "Du sollst nicht merken") und beschrieb es als durchgängiges Regelwerk, nicht als Sammlung von Einzelfällen.

Das Regelwerk

Nach Alice Millers Zusammenfassung wiederholen sich über Jahrhunderte und Autoren hinweg dieselben Grundsätze:

  • Erwachsene haben immer recht.
  • Kinder schulden Gehorsam und Dankbarkeit, unabhängig vom Inhalt.
  • Gefühle, vor allem Wut und Widerstand, müssen unterdrückt werden.
  • Der Wille des Kindes muss früh gebrochen werden, bevor er sich festigen kann.
  • Gehorsam gilt als höchste Tugend, Widerstand als Charakterfehler.
  • Körperliche Strafe und Liebesentzug sind legitime, anerkannte Mittel.
  • Die eigene Wahrnehmung des Kindes gilt als unzuverlässig und muss durch die Deutung der Erwachsenen ersetzt werden.

Warum das hier zählt

Das ist der kulturelle Boden, auf dem ein solches Erziehungsziel angewendet werden konnte, ohne als Schaden erkannt zu werden: Wille brechen heißt, bei einem abhängigen Kind, das nicht weglaufen kann, wiederholt und gezielt einen Alarmzustand herzustellen.

Wichtig für die eigene Einordnung: Ein Vater mit dem Motto "Kinder müssen gebrochen werden" war damit kein Ausreißer und keine persönliche Bosheit im luftleeren Raum, er hat ein damals mehrheitsfähiges Erziehungsziel wörtlich zitiert.

Das erklärt die Methode, es entschuldigt nicht ihre Wirkung, beides kann gleichzeitig wahr sein.

Was sich geändert hat und was nicht

Schwarze Pädagogik als offen vertretenes Erziehungsideal ist im deutschsprachigen Raum weitgehend verschwunden; gewaltfreie Erziehung ist seit 2000 sogar gesetzlich verankert (§ 1631 Abs. 2 BGB).

Was sich nicht automatisch mitgeändert hat: Der Mechanismus selbst braucht keine Doktrin, die ihn rechtfertigt, um weiterzulaufen, er läuft genauso in Erwachsenenbeziehungen, ganz ohne Erziehungs-Etikett, einfach unter einem anderen Namen.

← Zurück zum Glossar

Schnelltest