Coercive Control

Der Fachbegriff für ein Muster, das viele einzelne Kontroll- und Zwangstaktiken zu einem System verbindet.

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Definition

Coercive Control, auf Deutsch häufiger Zwangskontrolle, bezeichnet ein wiederholtes oder fortdauerndes Verhaltensmuster, durch das eine Person in einer intimen oder familiären Beziehung die Autonomie und die alltägliche Lebensführung einer anderen Person einschränkt. Betroffen sein können beispielsweise Finanzen, soziale Kontakte, Kommunikation, Bewegung, Arbeit, Zeitplanung, Sexualität und alltägliche Entscheidungen.

Ein solches Muster kann ohne körperliche Gewalt bestehen, körperliche oder sexualisierte Gewalt kann aber ebenfalls dazugehören. Der US-amerikanische Soziologe und forensische Sozialarbeiter Evan Stark hat das Konzept maßgeblich ausgearbeitet und international bekannt gemacht. In seinem 2007 erschienenen Buch "Coercive Control: How Men Entrap Women in Personal Life" kritisierte er eine Betrachtungsweise, die Partnergewalt hauptsächlich als Reihe voneinander getrennter Vorfälle versteht. Der Gesamtschaden liegt danach nicht allein in einzelnen Übergriffen, sondern zusätzlich in der kumulativen Einschränkung von Freiheit, Selbstständigkeit und Handlungsmöglichkeiten.

Wie zeigt sich das?

Das Muster kann unter anderem aus Isolation von Freunden und Familie, finanzieller Kontrolle, Überwachung von Telefon oder Aufenthaltsort, detaillierten Verhaltensregeln, Erniedrigungen, Drohungen, Einschüchterung und der Bestrafung vermeintlicher Regelverstöße bestehen.

Einzelne Bestandteile können bereits für sich strafbar sein. Andere erreichen isoliert keine eigene strafrechtliche Schwelle. Wo ein eigener Straftatbestand für das Gesamtmuster existiert, kann zusätzlich der Zusammenhang selbst verfolgt werden,nicht nur die einzelnen Bausteine.

Warum der Begriff wichtig ist

Der Begriff ergänzt den Blick auf einzelne Vorfälle um deren Zusammenhang. Ein isoliertes Ereignis kann wie ein einzelnes Puzzleteil wirken; erst die zeitliche Abfolge und die Funktion der Handlungen zeigen möglicherweise das vollständige Bild.

Die Frage nach der Strafbarkeit einzelner Handlungen bleibt dabei notwendig. Hinzu kommt jedoch die Frage, ob die Handlungen zusammen ein fortdauerndes System bilden, das die Freiheit und alltägliche Selbstbestimmung einer Person erheblich einschränkt.

Internationaler Rechtsvergleich

Mehrere Rechtsordnungen haben fortgesetztes kontrollierendes oder missbräuchliches Verhalten als eigenes Delikt eingeführt:

  • England und Wales: Section 76 des Serious Crime Act 2015 erfasst wiederholtes oder fortdauerndes kontrollierendes bzw. zwangsausübendes Verhalten mit erheblichen Auswirkungen auf die betroffene Person, in Kraft seit 29. Dezember 2015.
  • Schottland: Domestic Abuse (Scotland) Act 2018 — schafft einen Straftatbestand für einen Verlauf missbräuchlichen Verhaltens gegenüber Partnern oder ehemaligen Partnern, im Wesentlichen in Kraft seit 1. April 2019.
  • Irland: Section 39 des Domestic Violence Act 2018 enthält ausdrücklich den Straftatbestand "coercive control", in Kraft seit 1. Januar 2019.
  • Nordirland: Domestic Abuse and Civil Proceedings Act (Northern Ireland) 2021 enthält ebenfalls einen entsprechenden Straftatbestand.

Deutschland hat keinen entsprechenden eigenständigen Straftatbestand für das Gesamtmuster. Einzelne Handlungen können jedoch insbesondere als Nachstellung, Nötigung, Bedrohung, Beleidigung, Freiheitsberaubung oder Körperverletzung verfolgt werden.

Verhältnis zu häuslicher Gewalt

Coercive Control steht nicht im Gegensatz zu häuslicher Gewalt. Es bezeichnet vielmehr eine mögliche Struktur häuslicher bzw. partnerschaftlicher Gewalt. Häusliche Gewalt umfasst nach heutigen fachlichen und völkerrechtlichen Definitionen nicht nur körperliche Angriffe, sondern auch psychische, sexuelle und wirtschaftliche Gewalt.

Coercive Control kann über längere Zeit bestehen, ohne dass körperliche Gewalt eingesetzt wird. Entscheidend ist das fortdauernde Muster, durch das der Handlungsspielraum einer Person immer weiter eingeschränkt wird — wie ein Käfig, der nicht aus einer einzigen massiven Wand besteht, sondern aus vielen miteinander verbundenen Streben.

Das Gefängnis ohne Gitter
Kein Gitter, keine Uniform, und trotzdem ein Gefängnis.
Kein Messer und trotzdem Magie
Kein Schnitt, und trotzdem ein anderes Stück

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