Autonomiebestrebungen
Der normale, gesunde Drang, selbst zu entscheiden, Entwicklung, keine Störung.
Kurz gesagt
Wie eine Pflanze, die sich dem Licht entgegenbiegt, das ist kein Ungehorsam, das ist Wachstum. Wer den Trieb kappt, bekommt keine gerade Pflanze. Er bekommt eine verkümmerte.
Definition
Der normale, notwendige Drang eines Menschen — am deutlichsten bei Kindern, selbst zu entscheiden, selbst zu wollen, sich abzugrenzen. Kein Fehlverhalten, sondern eine Entwicklungsaufgabe: Erikson nennt die frühe Phase "Autonomie vs. Scham und Zweifel", die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan) führt Autonomie als eines von drei psychologischen Grundbedürfnissen neben Kompetenz und Verbundenheit. Die "Trotzphase" ist ihr sichtbarstes, aber bei Weitem nicht ihr einziges Zeichen.
Wie sich das zeigt (normal)
- "Nein" sagen, auch ohne guten Grund.
- Etwas allein machen wollen, obwohl Hilfe schneller ginge.
- Eigene, manchmal unpraktische Entscheidungen treffen und daran festhalten.
- Grenzen testen, nicht um zu provozieren, sondern um herauszufinden, wo sie liegen.
Anstrengend für die Umgebung, aber genau das, wonach ein sich entwickelnder Mensch tasten muss.
Was in kontrollierenden Dynamiken damit passiert
Wo Kontrolle die Quelle von Stabilität ist, wird dieser Drang nicht begleitet, sondern bekämpft, nicht als normale Entwicklung gelesen, sondern als Angriff auf die eigene Position. Über Jahrzehnte lieferte ein bestimmtes Erziehungsideal dafür die Rechtfertigung: "der Wille muss gebrochen werden". Wird dieser Drang wieder und wieder bestraft statt begleitet, lernt der Mensch nicht, ihn klug einzusetzen, er lernt, ihn zu unterdrücken. Das ist der Boden, auf dem bedingungslose Unterordnung als Zustand überhaupt erst möglich wird.
Warum das kein Trotz-Problem ist
Die übliche Umdeutung: das Kind sei "schwierig", "trotzig", "eigensinnig" — als läge der Fehler im Kind. Der Fehler liegt darin, dass ein normaler Entwicklungsvorgang als Fehlverhalten behandelt wird.